Date: Tue, 26 Nov 2002 01:44:51 +0100
To: o-o@konf.lt
Subject: ein Artefakt fuer interfiction IX (arteFaction! Fehler in/als Medien.  Kassel, 15. - 17. November 2002)
From: mi_ga@o-o.lt

copy&paste Befehle oder, wie Maschinen Kunst machen


Ich bitte um Entschuldigung für mein Deutsch. Es ist zur Zeit noch nicht perfekt. Heute möchte ich ein Paar Worte zum Thema Fehler in/als Medien sagen. Diese Gedanken sind eher künstlerisch als theoretisch.
Zu Anfang möchte ich William S. Burroughs zitieren. Er beginnt seine ELEKTRONISCHE REVOLUTION mit folgenden Worten:

"Am Anfang war das Wort und das Wort war Gott. Und ist seitdem eines der Mysterien geblieben. Das Wort war Gott und das Wort war Fleisch, wird uns erzählt. Am Anfang von was denn eigentlich war dieser Anfang Wort? Am Anfang der geschriebenen Geschichte."

Im 'GARTEN VON EDEN' setzt er seine Theorie fort, daß das schriftliche Wort ein Virus war, welches das gesprochene Wort voraussetzte. Somit wurde das schriftliche Wort zu einer Grundlage für die weitere Entwicklung des Bewußtseins erklärt.

Meine Gedanken und Überlegungen zum Thema Fehler in/als Medien, die ich Ihnen vorstellen möchte, stehen im Zusammenhang mit Rechenmaschinen, deren Funktionsgrundlage auf dem schriftlichen Wort basiert. Rechner ermöglichen uns leicht copy&paste Tätigkeiten. 

Sie erlauben uns sowohl korrekte als auch beabsichtigt irreführende Aufgaben zu berechnen. Genau an dem Punkt werden neue Medien für den künstlerischen Ausdruck interessant.

Ich möchte deswegen den Titel des Seminars umdrehen, weil es besser sein Wesen zeigen würde. Der Titel müsste folgenderweise lauten:

Medien in/als Fehler

Mit anderen Worten, ich betrachte Medien als eine Tätigkeit, die Unvollkommenheiten produziert. Wenn wir versuchen der Geschichte der Kunst zu folgen, sehen wir eine Bemühung um Vollkommenheit. Ähnliches gilt auch für andere Bereiche. Mir geht es um Rechenmaschinen, die heutzutage PC's genannt werden. Damit meinen wir das Werkzeug, das ein vollkommenes Output liefert. Man kann aber auch sehen, daß das Werkzeug sehr häufig benutzt wird, um Nutzlosigkeit herzustellen. Oder Maschinen funktionieren nicht nach unseren Wünschen. In einigen Fällen kann es auch passieren, dass Informationen  verschwinden. Der vorangehende Beitrag, der von Francis Hunger vorgetragen wurde, beschäftigt sich mit solch einem Phänomen, dass kaum in einem gesunden Bewußtsein entstehen kann. Es ging um schwarze Löcher im Internet. Ein anderes Phänomen, das hier erwähnt werden sollte, ist das Reich des Virus. Solche Künstler wie jodi (www.jodi.org) oder jimpunk (www.jimpunk.com) nutzen die copy&paste Funkti!
 on, um das Reich des Virus zu betonen. Das, was sie produzieren, sieht später wie unbewußte Berechnungen oder unterbrochene Programme aus. Wie benutzt man die Werkzeuge, die neue Medien uns anbieten? Wenn man zu einem Dauernutzer dieser Werkzeuge wird, dann entsteht eine 

Automatisierung

Die Kunstwerke, die durch Maschinen normalerweise erzeugt werden, passen oft nicht in das Alltagsbild eines menschlichen Wesens. Es sollte darauf vorbereitet werden, das Output zu verstehen. Das passiert am besten durch die erworbene Erfahrung an diesen Werkzeugen und Selbst-Automatisierung.

Öffnen. Ausschneiden. Verschieben Sie den Cursor. Kopieren und Einfügen. Oder einfach einfügen. Drehen Sie es um. Bestimmen Sie die Größe neu. Kopieren Sie. Öffnen Sie. Alles markieren. Löschen. Einfügen. Einfügen. Verschieben Sie den Cursor auf den Anfang. Schreiben: #!/usr/bin/perl. Drücken Sie Entfernen. Tippen Sie einen Doppelpunkt, 'w', 'q' und '!'. Gehen Sie zurück. Schreiben Sie Perl [Dateiname]. Drücken ctrl+c. Öffnen. Datei. Korrigieren Sie. Drehen Sie alles um 180 Grad. Fügen Sie mehr Quellen hinzu. Fehler. Kommentieren Sie einige Zeilen. Ändern Sie die Werte. Öffnen Sie Google. Suche. Runterladen. Kopieren und Einfügen. Korrigieren Sie. Denken Sie. Fügen Sie einige gelegentliche Befehle hinzu. Fügen Sie einige ersetze Befehle hinzu. Fügen Sie sendmail hinzu. Speichern. Spielen. Kopieren und Einfügen. Oder Ausschneiden und Einfügen. Umwandeln. Horizontal Umkippen. Umwandeln. Vertikal Umkippen. Drehen Sie es nach rechts. Markieren Sie. Schneiden Sie aus. Einfügen. D!
 rehen Sie es nach links. Kopieren Sie. Einfügen. Warten. Warten. Korrigieren Sie. Speichern.

Der Perl Kompilator gibt uns vermutlich den Fehler 505 aus. Aber, wenn wir versuchen würden, uns jene Tätigkeiten bewußt zu machen, könnten wir einige interessante Resultate erzeugen. Man erhält zum Beispiel sehr schöne Formen wie in der konkreten Poesie. Manchmal funktionieren die geschriebenen Programme. Ich möchte hier eine der Arbeiten von trashconnection vorstellen. Sie heißt

content-type
(Mann kann es unter http://content-type.trashconnection.com finden)

Das Programm sieht folgenderweise aus:

#!/usr/bin/perl -w
# neverending search for the highest number
# created for the future
print "content-type: text/html\n\n";
for ( $a=int(rand 1000000); $a>0; $b=$a*$a+$b ) {
print "<font face=courier>$a\n$b\n";
}

Dieses Programm ist mit einem bewußten Fehler geschrieben, so daß der Perl Kompilator eine veränderliche Größe $b in einer endlosen Schleife aufruft. Diese veränderliche Größe $b ist eine Zahl, die mit sich selbst multipliziert und addiert wird. Keine Rechenmaschine könnte das Programm beenden, da es bekanntlich keine endlose Zahl gibt. Dieses Programm läuft wie ein geschriebenes Virus. Die erste zufällig generierte Zahl, eine von einer Million, gilt als Auslöser der unendlichen Kette. Insofern erscheint auf dem Bildschirm eines Rechners immer ein neues Kunstwerk.

Mit dieser Arbeit möchte ich meiner Schilderung irgendwo zwischen der unbewußten Maschinerie und dem bewußten Schaffen einen Punkt setzen...

Danke schön.


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